Das Telefon klingelte, mit einem Angebot das ich nicht ablehnen konnte. Kurze Zeit später saß ich auch schon mit Moritz von HDVideoshop / Kinefinity Europe im Auto. Mit dabei: Die neue TERRA 6K (Cine-)Camera des chinesischen Herstellers Kinefinity. Die Mission: Einige Testaufnahmen in Berlin aufzuzeichnen, denn diese TERRA ist die erste überhaupt, die in Europa verfügbar ist.

Ich sollte an dieser Stelle vielleicht darauf hinweisen, dass dieser Blog-Post ausschließlich Technik-Schnack enthält. Ich habe einen Tag mit der Kamera gedreht, die Erfahrungen fasse ich hier kurz zusammen. Wer sich dafür nicht die Bohne interessiert, kann stattdessen einfach die von HDVideoshop geschnittenen Filmaufnahmen ansehen und dabei den Berliner Herbst in voller Pracht genießen. Hier soll sich ja niemand langweilen.

Kompakte Kraftmaschine

Die TERRA 6K ist modular aufgebaut und der eigentliche Body ist geradezu unverschämt klein und leicht. Das ist praktisch, wenn die Kamera in ein Stabilisierungssystem oder unter eine Drohne geschnallt werden soll. Für den normalen Handbetrieb sollten jedoch noch diverse Kleinigkeiten wie anständige V-Mount Akkus, das KineBACK-Modul mit SDI- und XLR-Anschlüssen, ein Cage mit Griff, der KineGRIP sowie der Monitor montiert werden. Die Kamera gewinnt damit an Gewicht und Volumen, bleibt jedoch gut handelbar und ist immer noch kompakter als die meisten anderen Kameras dieser Klasse.

20161113_123432.jpgUnd sie hat dabei ordentlich Dampf unter der Haube: Es können Filmaufnahmen mit einer Auflösung von bis zu 5760×3240 (die Kamera könnte also auch „TERRA almost 6K“ heißen) gemacht werden, die intern entweder als RAW-Dateien oder im ProRes-Wrapper auf SSD-Festplatten weggeschrieben werden. Slow-Motion gibt es mit bis zu 100 Bildern pro Sekunde bei 4k und mit bis zu 225 Bildern pro Sekunde bei 2k, wobei nur der mittige Teil des Sensors ausgelesen wird. Der Crop-Faktor erhöht sich dabei logischerweise beträchtlich.

So weit die technischen Daten – in der Theorie.  In der Praxis konnten wir noch nicht alle Features voll nutzen, vermutlich weil es sich bei unserer Kamera um ein Vorserienmodell handelte. RAW-Aufnahmen standen nicht zur Verfügung, die maximale Bildfrequenz bei 4K lag bei 75 statt 100 fp/s und auch der von mir persönlich heiß erwartete „Golden 3k“-Modus, bei welchem die Kamera einen Dynamikumfang von enormen 16 Blenden aufweisen soll, stand noch nicht zur Verfügung. Diese Features dürften per Firmware-Updates nachgereicht werden.

kinefinity_drehDoch auch der „Standard“-4K-Modus lässt sich hervorragend an. Der Dynamikumfang ist mit 14 Blenden sehr hoch und das Bildmaterial lässt diesbezüglich eigentlich auch kaum Wünsche offen. Ausgebrannte Stellen sucht man im Bild vergeblich. Auch die Farben lassen sich gut an, wobei ich das Log-Material bislang noch nicht selbst graden konnte. Moritz berichtete mir jedoch, dass er lediglich eine gängige ARRI-Lut verwendet hat, die für das TERRA-Material recht brauchbar zu sein scheint. Dafür sind die Ergebnisse schon recht beeindruckend.

Was passiert hinter der Kamera?

Kein Dreh ohne Schwierigkeiten: Die Bedienung der Kamera über das interne Menü gestaltete sich etwas fitzelig. Das Drehrad mit Druckstellen für Parameter wie Blende, ISO oder auch die Bildfrequenz war etwas schwammig und sorgte manchmal für Frust. Hier dürfte der KineGRIP Abhilfe schaffen, ein externer Griff mit diversen Funktionstasten, der uns jedoch nicht zur Verfügung stand. Die anderen Probleme des Drehs waren eher menschlicher Natur: So waren die Filterdurchmesser der kurzfristig gemieteten Objektive zu groß für unsere ND-Filter, weswegen wir in der Mittagssonne (zu) stark abblenden mussten. Das Material dürfte durch die daraus resultierende Beugungsunschärfe etwas an Knackigkeit eingebüßt haben.

Das größere Problem stellte jedoch der Shutter dar: Dieser war statt in Grad-Zahlen wie 180° oder 360° in Belichtungszeiten wie 1/50s in der Kamera einzustellen. Das bin ich nicht mehr gewohnt, also habe ich das kurzerhand vergessen. Sehr praktisch. Die Kamera hat daher mit der Standardeinstellung gearbeitet und für unsere High-Speed-Aufnahmen mit 75 Bildern pro Sekunde eine Belichtungszeit von 1/75s verwendet. Das Resultat: Ziemliche smoothe Zeitlupen. Man könnte auch sagen: Zu smooth. Die Details der Bewegungen sind etwas verwaschen, was schade ist. Aber gut, neuer Tag, neues Glück. Das Material sieht dennoch sehr gut aus.

Warten auf die TERRA 5K

Insgesamt lässt sich die Kamera also spannend an. Ich freue mich darauf, in naher Zukunft ein „echtes“ Filmprojekt auf der TERRA 6K zu drehen – dann hoffentlich auch mit finaler Firmware. Wer bis dahin selbst einmal mit dem Rohmaterial spielen möchte, kann auf der Facebook-Seite des HDVideoshops einige der von uns aufgenommenen ProRes-Dateien herunterladen. Sie dürften das Potenzial der Kamera auch am eigenen Schnittplatz nachvollziehbar machen.

Gleichwohl wird die TERRA 6K aber noch ein (für mich potenziell spannenderes) Geschwisterkind von Kinefinity bekommen: Die TERRA 5K. Selbige ist, mit Ausnahme des Sensors, gleich gebaut. Sie löst etwas geringer auf, soll jedoch zwischen Rolling Shutter und Global Shutter umschaltbar sein. Ein spannendes Feature, das es überhaupt noch nicht auf dem Markt gibt. Es bleibt abzuwarten, ob Kinefinity tatsächlich schafft, was Blackmagic Design bei der URSA 4.6 nicht hinbekommen hat. Ich drücke die Daumen.

Übrigens, das war es jetzt mit Technik-Schnack. Um noch ein paar Informationen für das technisch weniger interessierte Publikum zu liefern: Das Wetter war gut und die Kamele ziemlich freundlich.